WHEREAMiNOW (4)

Dieses kurze Video habe ich im Kunstmuseum Meran gefilmt: Ich schaue in eine Installation (Unsichtbares Kino, Bernhard Oppl 2016), die eine Publikumsanordnung darstellt. Ich selbst bin die Bühne. Ich imaginiere das Publikum, das mich ansieht. Später gehe ich an einem Bild vorbei, in welchem ich mein Gesicht sehe, wie es in ein imaginiertes Publikum schaut. Ich gehe jetzt noch einmal zur Installation und winke und gehe auf die andere Seite und schaue mir dabei zu, wie ich gewunken habe.

11.8. Meran

Nach meinem letzten Blogeintrag hat sich erstens jemand beschwert (worüber, bitte in WHEREAMiNOW (3) im Nachtrag nachlesen) und zweitens hat jemand anderes gefragt, ob ich über zwei Menschen schreibe, die über einen Spin mit einander verbunden sind, es aber nicht wissen. Ich habe Nein, eigentlich nicht geantwortet, und sie hat nachgebohrt: Über was dann? Mein Zögern hat die Frage an mich selbst aufgeworfen, warum ich eigentlich einen Blog schreibe, wenn ich das Wesentliche für mich behalten will. Gute Frage, auf die ich ohne Beobachtungsinstanz von außen nicht gekommen wäre. Das hört sich fast ironisch an, weil es so selbstverständlich sein sollte, aber was ist schon selbstverständlich?

Den Ausdruck Beobachtungsinstanz habe ich bei Karen Barad gelesen. Barad ist Physikerin und Philosophin und hat über Verschränkungen geschrieben, poetisch, virtuos, geheimnisvoll. Ich lese alle zwei Monate in diesem schmalen, vom Merve Verlag herausgebenen Buch, um zu schauen, ob ich ein bisschen mehr verstanden habe als beim letzten Mal.

Tatsächlich verstehe ich immer mehr (mehr im Sinne von etwas anderes) als beim letzten Mal, wenn auch noch nicht wirklich etwas. Und ob ich dieses Etwas wirklich verstanden habe, bleibt ein Geheimnis, ich bin mir nur nicht sicher, wer es hütet. Es wird wohl auch so etwas wie die Geheimnishüterinneninstanz geben, aber das ist dann das nächste Level, von dem ich noch Quantensprünge entfernt bin (was sehr weit, aber auch sehr kurz bedeuten kann.)

Wo oder was ist die Katze?

Bei der Sache mit der Beobachtungsinstanz geht es eigentlich darum, dass die Position eines Teilchen nur dadurch definiert werden kann, dass es gemessen, also beobachtet, wird. Wird es nicht beobachtet, hat es keinerlei Eigenimpuls zu entscheiden, wo es sich befindet und was es überhaupt ist. Barad nennt das Superposition.

Diese Superposition kennen wir auch von Schrödingers Katze. Die Katze ist in einer Box, in der eine Kapsel mit radioaktiver Materie liegt. Beißt die Katze drauf, ist sie tot, beißt sie nicht drauf, lebt sie. Ob sie lebt oder tot ist, wissen wir nur, wenn wir die Box öffnen. Daraus folgt, dass die Identität eines Teilchens nichts anderes ist als das Ergebnis einer Beobachtung und somit von der Beobachtungsinstanz nicht zu trennen. Allein dadurch, dass es sich in diesem wenn auch nur theoretischen Beispiel (denn Schrödinger hatte gar keine Katze) bei dem Teilchen um eine Katze und nicht um irgendein undefiniertes Elektron handelt, verändert sich unsere Beobachtung.

Wir schauen nämlich auf die Katze mit Mitgefühl und auf das Elektron vermutlich ohne Mitgefühl (Bitte bei mir melden, wer auf das nicht definierte Elektron ebenfalls mit Mitgefühl schaut!). Superposition heißt nicht entweder-oder oder sowohl-als auch oder halbe-halbe – es heißt eher so etwas wie: dazwischen. Und dieses Dazwischen bedeutet laut Barad auch, dass die Behauptung, Identität und Sein gehörten unweigerlich zusammen, nicht aufrechtzuerhalten ist.

Zwischen wird nie wieder das Gleiche sein

Karen Barad, Verschränkungen

Was hat das mit meinem Blog zu tun? Um zu verstehen, was ich eigentlich schreibe und wer ich eigentlich bin, wenn ich schreibe, benötige ich eine Beobachtungsinstanz, die dadurch, dass sie meinen Blog liest, eine Art Messung vornimmt. Erst dann bin ich ein Teilchen, das eine Identität bekommt – wenn auch nur für den Moment (aber der reicht mir eigentlich, mehr Identität als die des Augenblicks verkrafte ich sowieso nicht.). Eine Identität entsteht also nicht durch Eigenimpuls. Oder anders ausgedrückt: Identität entsteht durch unsere sozialen Beziehungen.

… ein Startup für Satellitendaten, eine Autobahn, ein Krankenhaus…

Und um was geht es denn nun in meinem Roman: es geht um das, was beobachtet werden kann. Es geht um das, was geschrieben werden kann, und um das, was gelesen werden kann.

Die insgesamt SECHS Kapitel spielen an unterschiedlichen Orten und Zeitebenen. Die Orte – eine Zeitungsredaktion, ein Einkaufszentrum, ein Start-Up für Satellitenaufnahmen, eine Autobahn inklusive Raststätte, ein Zug, ein Krankenhaus – sind durch Überlagerungen miteinander verbunden, und auch die Figuren, die sich wie kleine Energiepakete (man könnten auch sagen Quanten), durch Raum und Zeit bewegen, sind miteinander verschränkt oder nicht verschränkt oder fast verschränkt. Oft sind sie dazwischen. Die Begegnungen und Nicht-Begegnungen finden im analogen wie digitalen Raum statt, in der Realität, in der Erinnerung, in der Fiktion.

Edithe sieht eine junge Frau mit einem kleinen Hund auf dem Arm Richtung Einkaufszentrum gehen. Der Hund hat gelbe Augen, es geht etwas Vergebliches von ihm aus. Seine Ohren sind nach vorne ausgerichtet und gespitzt, sie sehen aus wie die Umkehrprismen eines Periskops. An der Ampel vor dem Zeisingplatz springt er plötzlich aus den Armen der Frau und läuft bellend davon. Sie ruft etwas und rennt hinterher.

14:10 Uhr, Zeisingplatz
[d:=(x2​−x1​)2+(y2​−y1​)2]​ Wurstbrot

Als IT-Spezialistin kann Patricia sich aussuchen, wo sie arbeitet, und weil sie es hasst, Entscheidungen zu treffen, überlässt sie die Entscheidung der Adresse, an der ihr künftiger Arbeitgeber gehostet ist. Die Willkür der Namensgebung führt sie von Zürich nach Lasslingen, wo es eine Hilbertstraße gibt, und Hilbert ist ihr Lieblingsmathematiker, er hat nämlich das Hotel mit der unendlichen Anzahl von Zimmern erfunden, um zu erklären, was Unendlichkeit bedeutet; was bedeutet denn Unendlichkeit?, hat eine Frau namens Edithe neulich auf einer Party gefragt, und Patricia hat gesagt, stell dir vor, du bist auf der Durchreise und brauchst ein Hotelzimmer und im Internet wirbt ein Hotel damit, unendliche viele Zimmer zu haben, und als du ankommst, sagt der Portier: alle besetzt. Aber Sie schreiben doch, es gäbe unendlich viele Zimmer in ihrem Hotel. Ja schon, sagt der Portier, aber ich habe auch unendlich viele Gäste. Edithe und ein Junge, der sich nicht mit Namen vorgestellt hat, lachen und dann sagt der Junge, das ist mir auch mal passiert, das war in Paris und es gab kein einziges Zimmer, und Edithe sagt, ich war mal in Macau und die Hotels waren so teuer, dass ich die ganze Nacht durch den Regen gelaufen bin. Und dann hat sich Edithe mit dem Jungen unterhalten und der Junge hat sich mit Edithe unterhalten, sie haben sich sehr schnell sehr intensiv über Wassersport unterhalten, dagegen haben Patricia und die Unendlichkeit keine Chance. Zuhause hat sie gegoogelt, wie oft es in Macau regnet, und tatsächlich, es regnet in Macau allein im Juli 350 Stunden, das sind mehr als 11 Stunden am Tag. Dennoch ist Patricia eine Woche lang geknickt: So wird das nie was mit der Unendlichkeit, wenn noch nicht mal sympathische Leute auf Parties sich dafür interessieren.

2016 Macau

Erinnerung ist Wahrnehmung und Vergessen ist ebenfalls Wahrnehmung, wenn auch eine andere als Ignoranz oder Nichtwissen. Das heißt, selbst wenn dieser Blog von absolut niemandem gelesen würde, erfüllte er seinen Zweck. Selbst wenn man Inhalte in einem Buch sofort wieder vergisst, erfüllt das Buch seinen Zweck. Beobachtungsinstanz und Objekt der Beobachtung sind untrennbar. Schreiben bedeutet, (nicht) gelesen zu werden. (Nicht)lesen bedeutet, ein elementarer Teil des Schreibens zu sein.

„Zwischen wird nie wieder das Gleiche sein“, schreibt Karen Barad, die Lyrikerin.

Blaulicht

Was passiert eigentlich, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig auf dieselbe Art und Weise und zum selben Zweck auf ein und dieselbe Sache schauen? Das hat 1988 schon Fredl Fesl erklärt, und zwar passenderweise in der Vorrede zu seinem Lied „Für die Katz“: https://www.youtube.com/watch?v=jGTEaj_0FVc

Karen Barad ist Physikerin für Theoretische Teilchenphysik und Quantenfeldtheorie und lehrt Feministische Studien, Philosophie und Geistesgeschichte an der University of California, Santa Cruz. Sie hat einen Hund. Hier geht es zu ihrer Website.