WHEREAMiNOW (3)

5.8. Meran

Heute Nacht hat es geschneit, natürlich nicht im Tal, da hat es aus Eimern gegossen, aber in ungefähr 3000 Metern Höhe. Die Texelspitze ist seit heute morgen schneebedeckt.

Der Arbeitstag gestern war desaströs, zuerst ist ein Onlinetermin ausgefallen, dann habe ich zwei Kapitel über eine Nebelglocke auf der Krim geschrieben, dann war ich einkaufen, dann wusste ich nicht mehr, warum ich über die Nebelglocke geschrieben habe und was die Krim mit Spukhafte Fernwirkung zu tun hat, dann habe ich mir etwas gekocht und am Nachmittag alles mögliche recherchiert, u.a. über welche Narrative sich Albert Einstein und Niels Bohr gestritten haben, um das Phänomen der Elektronenverschränkung zu erklären.

Zwei Teilchen können sich nämlich verschränken, und bleiben selbst dann verschränkt, wenn sie sich an einem entgegengesetzten Ort befinden, also das Lokalitätsprinzip außer Kraft gesetzt ist. Diese Verschränkung äußert sich so, dass wenn man das eine Teilchen misst, das andere Teilchen genau das Gegenteil von seinem Zwillingsteilchen macht. Wenn das eine sich also im Uhrzeigersinn dreht, dreht sich das andere garantiert gegen den Uhrzeiger. Und das, obwohl keine Verbindung zwischen den beiden besteht, das eine also gar nicht „wissen“ kann, was das andere macht.

Einstein hat das als „spukhafte Fernwirkung“ bezeichnet, er wollte nicht einsehen, dass sich etwas unserer Berechenbarkeit entziehen kann. Seine Begründung: Gott würfelt nicht. Bohr dagegen: Stop telling god what to do. Bohr war übrigens Atheist, Einstein nicht. Einstein hat dann die Theorie entwickelt, dass es sich mit den beiden Spins in etwa so verhält wie mit einem Paar Handschuhen, die ich trenne und in jeweils eine Kiste lege. Die eine Kiste schicke ich an meine Adresse, die andere in die Antarktis. Zuhause packe ich meine Kiste aus und sehe, es befindet sich darin der Handschuh für die linke Hand. Also weiß ich (obwohl die anderen Kiste auf einem Eisberg steht und ich nicht in sie hineinschauen kann), dass sich in Kiste zwei der Handschuh für die rechte Hand befindet.

Ring the Bell

Bohr bevorzugte dagegen das Bild von zwei Zahlenrädern (wie wir sie vom Roulette kennen), die nebeneinander stehen. Wenn ich die Räder anstupse, drehen sie sich und kommen nach einer Weile entweder auf einem roten oder blauen Feld zum Stehen. Wenn die Räder spukhaft verschränkt sind, kommt das eine Zahlenrad auf Rot zum Stehen und das andere auf Blau. Warum? Das weiß niemand.

Wer hat nun Recht? Antwort: Bohr. Über dieses Ergebnis ist aber erst viele Jahre später jemand zufällig gestolpert, und zwar der Physikstudent John Clauser, der in einem Archiv gestöbert und einen alten Aufsatz von einem Mann namens Bell aus dem Staub gezogen hat. John Steward Bell, ein nordirischer Physiker und Mathematiker, hatte herausgefunden, dass die Informationen zwischen den beiden Spins so schnell ausgetauscht werden, dass dieser Vorgang nicht gemessen werden kann. Und dass alles, was schneller als Lichtgeschwindigkeit ist, nicht gemessen werden kann, hat wer bewiesen? Antwort: Einstein.

Mich hat vor allem dieser unbekannte Physiker namens Bell interessiert, der ein so wichtiges Problem gelöst hat und doch ist genau das lange niemandem aufgefallen. Erst als es jemand wirklich wissen wollte und angefangen hat herumzustöbern. Wie hoch wohl die Wahrscheinlichkeit sein mag, dass viele unserer Probleme bereits gelöst sind, nur weiß davon niemand (oder will es niemand wissen)?

Über John Steward Bell, der später für das CERN arbeitete und kurz vor seinem Tod für den Nobelpreis für Physik im Gespräch war, findet man auf Wikipedia einen ausführlichen Eintrag.

Ring the Nebelglocke

Am Abend habe ich einen langen Regenspaziergang gemacht, die Straßen waren vom Regen leergenässt, und beim Gehen ist mir auch wieder eingefallen, warum ich über die Nebelglocke auf der Krim geschrieben habe.

Bell heißt übrigens Glocke. Was für ein Tag! Und was für ein Regen! Zum Glück ist die Passer gut eingepassert in ihrem Flussbett.

Nachtrag vom 7.8.:

Bild: CERN

Nach der Beschwerde eines Lesers, dass ich den unbekannten Physiker namens Bell zu wenig gewürdigt und ihm sogar die Nennung seines Vornamens versagt hätte, während Einstein und Bohr mit ihren jeweiligen (bekannten) Vornamen genannt wurden, habe ich ein Einsehen gehabt und John Steward Bell nun angemessen gewürdigt. Sorry, Mr. Bell!

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