WHEREAMiNOW (2)

3.8. Meran

Die Fahrt von Regensburg nach Meran verlief angenehm ereignislos. Am Irschenberg bin ich rausgefahren, um mir Vignetten für die Inntalautobahn und den Brenner zu kaufen. An der Ausfahrt stand ein Tramper. Es gibt wieder Tramper, dachte ich, wie ich auch schon mal Es gibt wieder Maikäfer oder Es gibt wieder Feministinnen gedacht habe. Mittlerweile sind zum Glück sowohl Maikäfer als auch Feministinnen wieder gesellschaftsfähig. Vielleicht stehen in 10 Jahren an sämtlichen Ausfahrten feministische Tramper:innen, deren goldene Flügel in der heißen Mittagssonne glänzen. Auf dem Schild des Trampers am Irschenberg stand INNSBRUCK und darunter 3G. Während ich mein Auto in den letzten freien Parkplatz quetschte, überlegte ich, was 3G bedeuten könnte. Eine schwache mobile Datenverbindung und somit ein Hinweis darauf, dass er nicht viel Geld besitzt und sich weder eine bessere Datenverbindung noch ein Auto leisten kann? Oder er lehnt 5G ab, weil die schnellen Strahlen Covid-19 verursachen? Gerade hatte ich mich noch darauf gefreut, den Tramper mitzunehmen, als mir erste Zweifel kamen. Kaum waren mir erste Zweifel gekommen, da fiel mir ein, wie lange ich vor vielen Jahren (als es noch Maikäfer und Feministinnen gab, bevor es sie eine sehr lange Zeit lang nicht mehr gegeben hat) manchmal an Autobahnraststätten, Auffahrten, Parkplätzen gestanden hatte, weil in den vorbeifahrenden Autobesitzer:innen soviel Zweifel mitfuhren, ob sie mich mitnehmen sollten, dass sie einfach vorbeifuhren. Viele hatten aber auch gar keine Zweifel und fuhren einfach so vorbei. Einmal sprach ich einen Mann an einer Tankstelle an und er winkte ab: Ich nehme keine Mädchen mit. Warum das denn?, fragte ich. Hernach heißt es, ich hätte dich vergewaltigt, das ist mir viel zu gefährlich, sagte der Mann, hängte den Benzinzapfen in die Zapfsäule und ließ mich stehen.

An der Tankstelle kaufte ich zwei Vignetten, die man seit neuestem nicht mehr an die Innenseite des Autofenster kleben muss, weil sie jetzt digital sind. Als ich zurückkam, war der Tramper schon weg. Und 3G sollte natürlich geimpft-genesen-getestet heißen, ich Depp! Was aber neue Fragen aufwarf. Bedeutet das, dass der Tramper geimpft, genesen und getestet war? Oder zumindest eins von dreien? Großartig, dachte ich, wie dieser Tramper an das Sicherheitsbedürfnis der Autofahrer:innen denkt, von denen er mitgenommen werden möchte. Vielleicht hätte ich das damals auch auf mein Schild schreiben sollen: BRENNER und darunter Zeige keine Vergewaltigungen an. Aber das wäre ja viel zu lang geworden. Also besser: ZkVa. Dann hätten die Autofahrer:innen noch mehr rätseln müssen, was das bedeutet. Und während sie noch gerätselt hätten, wäre ich schon von jemand anderem mitgenommen worden. Als ich den Irschenberg verließ, kam mir noch eine andere Botschaft in den Sinn: Dass der Tramper nur von Autofahrer:innen mitgenommen werden möchte, die 3G sind, geimpft, getestet oder genesen. So selbstbewusst wäre ich gerne gewesen: Ich hätte damals einfach auf mein Schild schreiben sollen: FLORENZ und darunter: Keine Vergewaltigungen! Oder einfach nur KV. Zum Glück, dachte ich, ist mir auch so nie etwas passiert. Und noch erstaunlicher ist, dass ich selbst nie den Wunsch verspürt habe, einen Autofahrer anzuzeigen, einfach so.