SiXHEURESPLUS. Bericht aus Quebec. (8)

9.11.

auch auf dem Literaturportal Bayern

SIXHOURSLATER habe ich den Blog zu Beginn meines Aufenthalts in Quebec genannt, und zwei Monate später nun komme ich zu dem Resumee, er hätte SiXHOURSMORE heißen müssen und noch eigentlicher SiXHEURESPLUS, denn mittlerweile spielt sich auch in meiner kleinen Welt alles auf Französisch ab, der Muttersprache von 80 Prozent aller Queber:innen. Viele sprechen zwar auch Englisch, aber nicht so gern. Nähe entsteht ja auch durch Sprache, so dass ich mich entschlossen habe, die Fragmente meines Schulfranzösisch zu reaktivieren und auf Englisch nur dann auszuweichen, wenn ich nicht mehr weiterkomme. Das hat am Anfang sehr schlecht und mit der Zeit doch erstaunlich gut geklappt und ich bin ein großer Fan der Quebecoisen Aussprache des Französischen geworden, das die Diphtonge so offen ausspricht, wie es dem Naturell der Quebecer entspricht.

Warum SiXHEURESPLUS?

Meine Zeit in Quebec war geprägt von vielen herzlichen und interessanten Begegnungen mit Menschen aus dem hiesigen Literatur- und Kulturbetrieb und mit Menschen, die ich ganz zufällig kennengelernt hatte. Und von einem Gedanken-Chaos aus drei Sprachen in meinem Kopf. Einmal wachte ich aus einem Traum auf, in dem ich verzweifelt versucht hatte, eine grammatikalisch richtigen Satz aus Französisch, Englisch und Deutsch zu bilden. Im Gegensatz zu früheren Stipendien, in denen ich doch immer sehr im Hier und Jetzt war, hatte ich diesmal auch viel Kontakt nach Deutschland, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Auch weil Zoom und Skype es plötzlich möglich machen. Das war einerseits toll – denn das Leben, das man bisher geführt hat, hört ja nicht plötzlich auf – andererseits anstrengend, denn es verändert sich etwas Gravierendes in der Wahrnehmung der Zeit.

Die sechs Stunden, von denen ich angenommen hatte, sie würden sich – wäre erst einmal der Jetlag überwunden – quasi unbemerkt verschieben, hatte ich nun plötzlich zusätzlich am Hals. War es in Quebec morgens, traf ich in Videomeetings Menschen aus der Mitteleuropäischen Zeitzone. Während es dort langsam abends wurde, startete ich in meinen Tag. Nachmittags wurde ich manchmal unruhig, und eines Tages ging mir auf, dass ich den Nachmittag ja quasi schon zum zweiten Mal erlebte, während die Menschen, die ihn mit mir an meinem Vormittag verbrachten hatten, gerade schlafen gingen. Social Media sei Dank gewöhnte ich mir auch noch an, mich am Morgen darüber zu informieren, was in Deutschland während des Tages so passiert war. Das war nicht immer erfreulich, aber ich schaffte es selten, darauf zu verzichten.

Zum Glück gehörten die Abende dann wieder mit allein im Hier und Jetzt in Quebec und die Nächte verbrachte ich oft in unruhigen Träumen, in denen ich versuchte, nicht nur die Sprache, sondern auch die Fülle an zusätzlicher Zeit zu verarbeiten. Um sechs Uhr war ich wieder wach. Es war ja quasi schon Mittag.

Es gibt Menschen, die behaupten, Zeit sei ein Konstrukt. Das stimmt irgendwie schon, nur ist die Veränderung, die sie abbildet, natürlich real. Außerdem ist Zeit, wie wir wissen, relativ; wie wir sie erleben hängt davon ab, wie wir sie erleben. Je intensiver unsere Erfahrungen, desto stärker unsere Erinnerungen an die erlebte Zeit, wodurch der Eindruck entsteht, sie sei langsamer vergangen als gewöhnlich.

Der amerikanische Wissenschaftler David Eagleman hat ein Experiment veranstaltet, das diesen Zusammenhang verdeutlichen sollte: Er gab Menschen eine Uhr in die Hand, in der sich die Ziffern so schnell bewegen, dass sie sie unmöglich lesen können. Mit dieser Uhr sollten sie von einem Turm springen und dabei versuchen, die Zahlen zu lesen: Denn wenn sich die Zeit während eines besonders intensiven Erlebnisses – dem Sprung vom Turm – ausdehnt (und somit verlangsamt), würde dann Menschen während dieser Erfahrung nicht in der Lage sein, schneller zu erfassen, was in der übrigen Zeit, die ja normal weiterläuft, vor sich geht?

Die Antwort auf diese Frage kann man hier nachvollziehen:
(Beginn des Experiments: ab 06:43)

Antwort: Natürlich nicht. Die Zeit dehnt sich zwar (subjektiv gesehen) aus, wird aber dadurch nicht langsamer. Sie kann gar nicht langsamer werden, denn sie ist nichts anderes als eine Maßeinheit, die die immerwährende (objektive) Veränderung zählt. Und Veränderung findet ja nicht außerhalb von uns statt. Wir sind ein Teil der Zeit, da wir Teil der Veränderung sind, die von der Zeit nur festgehalten wird. Festgehalten im Sinne von dokumentiert, nicht im Sinne von gestoppt. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs ist aber sicherlich schon ein Hinweis darauf, dass das Dokumentieren von Veränderung und der Erinnerung daran das Gefühl hervorruft, man würde dadurch das Vergehen der Zeit stoppen und somit überwinden. (Et voilà: die Erfindung der Literatur).

Es sind nur die Schatten der Zeit

Wenn die Kulturtechnik Zeit nun auch noch auf die Kulturtechnik Social Media und Videomeeting trifft, wird sie allerdings knapp. Meine Frühstückstheorie dazu ist: Die objektive Veränderung verschmilzt mit der subjektiv erlebten Veränderung, so dass nicht mehr unterscheidbar ist, was objektiv und was subjektiv ist. Die Zeit aber zählt nur die objektive Veränderungen. In meiner subjektiven Zeit habe ich deshalb sechs Stunden mehr. Es sind nur die Schatten der Zeit, die sich ausdehnen, nicht die Zeit selbst.

Und ich muss jetzt auch los: Es ist ja gleich schon Nachmittag.

Der allerletzte Beitrag erscheint dann nächsten Montag, zwei Tage nach meiner Rückkehr. Bin schon sehr gespannt, wie sich mein Verhältnis zur Zeit objektiv verändert haben wird.