#SiXHOURSLATER (1). Bericht aus Quebec.

20.9.

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Defiant songs against death

The first week I’ve strolled a lot, made photographs, read the assorted inscriptions at memorials, sculptures, places, most of them bilingual in French and English. The more recent are ones only in French, because French has been the only official language in Quebec since 1977. The memorials deal with the history and culture of Quebec, the national identity has beome a dominating topic.

Above all, during my wanderings I’ve been running into two stories that made me ponder. On the gate of Saint Jean the first canadian highway has its own memorial. Well, it wasn’t a highway then, but the Chemin du Roi, the King’s Way, inaugurated at the 5th of August in 1734, has been the first connection from Quebec to Montreal. Since I can remember I was mesmerized by highways as places inbetween, ephemeral places, not here, not there. Already in the nineties, french sociologist Marc Augé dedicated a book to those non-places. They play a crucial role in our lives, we just don’t know about it. In my personal story, highways have been an important opportunity to flee the provincial backwater and everything that was linked to it.

Another story played out at Cape Diamond on the Plaines d’Abraham, a former battlefield of the seven year war, during which the Frenchmen lost Quebec to the British. In 17th century, the Cape Diamond became the scene of a ghastly action of vengeance by the Wyandat who had been war-mates of the Canadians. In this place, the warriors of an enemy iroquoistribe were burnt alive. But every burning iroquois sang his defiant death-song quite unflinchingly till his last dying breath, is written on the roll of honour. According to the roll, the vengeance, by the way, was justified – a remark that curdels the blood in my veins.

Deutsche Version

Da. Ich bin da. Je suis ici, je suis lá-bas, im Quebecer Französisch ist hier und da dasselbe, wie mir Juliette, die Programmleiterin des Maison de la Littérature erklärt hat. Sie hat mich letzten Montag vom Flughafen abgeholt, sie saß da auf einer Bank und wartete auf mich, mit einer großen Gewissheit, dass ich ankommen würde. Der Anschlussflieger von Montreal nach Quebec-City hatte fast zwei Stunden Verspätung. Grund waren ich und noch ein paar andere Passagiere, die für den Stichproben-Corona-Test ausgewählt worden waren.

Geschichte eines Apartmenthauses

Das Apartment, das für mich angemietet wurde, ist speziell: sehr modern, mit einem sensationellen Blick auf Quebec, auf die Kirche St. Jean-Baptiste, inmitten des gleichnamigen sehr urbanen Viertels, vergleichbar vielleicht mit der Au in München oder Ehrenfeld in Köln – leider auch, was die Gentrifizierung angeht.

Das weiße, sechsstöckige Apartmenthaus wirkt wie ein Fremdkörper inmitten der historischen Gebäude, viele aus dem 17. und 18. Jahrhundert, und ich fragte mich schon, welch schönes altes Haus dafür sterben musste. Aber weit gefehlt. Tatsächlich ist das Gebäude schon älter und diente als Mietshaus, bis es vor ein paar Jahren durch einen Schwelbrand ungebewohnbar geworden war, die Wände schwarz, alles von einer dicken Russschicht überzogen, wie mir der junge Mann von der Verwaltung erzählte, mit dem ich wegen des röhrenden Ventilators im Bad gesprochen habe. Zwei Jahre habe das Gebäude leer gestanden, bevor es von einem Investor gekauft und renoviert worden ist, und ich fragte mich, ob die einstmals schwarze Rußschicht im Inneren in irgendeinem Zusammenhang zur blütendweißen Fassage des heutigen Gebäudes steht. Offenbar hat mich mein Gefühl aber nicht getrogen, denn der Bibliothekar des Literaturhauses erzählte mir, die Anwohner seien nicht gut auf die Eigentümer zu sprechen, weil die Wohnungen mittlerweile nur an Airbnb-Gäste vermietet würden. Ich schäme mich also immer ein bisschen, wenn ich das Gebäude betrete. Anderseits fällt es mir schwer, das Schwimmbad, die Sauna, die Dachterrasse, die schöne Küche und das sehr gemütliche Schlafzimmer zu verachten.

Denkmal für den ersten Highway Kanadas

Jetzt aber zur Stadt selbst. In der ersten Woche bin ich viel herumgelaufen, habe fotographiert, habe die vielen Inschriften an Denkmälern, Skulpturen, Plätzen gelesen, viele zweisprachig in Englisch und Französisch, die jüngeren nur noch in Französisch, denn seit 1977 ist Französisch die alleinige Amtssprache in Quebec. Es geht bei den Denkmälern um Quebecer Geschichte und Kultur. Die nationale Identität ist ein alles beherrschendes Thema. (Quebec ist innerhalb Kanadas offiziell als Nation anerkannt.) Dazu dann nächste Woche mehr.

Zwei Geschichten haben mich bei meinen Streifzügen besonders beschäftigt. Am Tor Saint-Jean hat der erste kanadische Highway ein eigenes Denkmal bekommen. Na gut, es war noch keine Autobahn damals, aber der Chemin du Roi, der am 5. August 1734 eingeweiht (inaugurated wie bei einer Präsidentenvereidigung) wurde, war tatsächlich die erste Verbindungsstraße von Quebec nach Montreal. Ich bin seit jeher fasziniert von Autobahnen als Orten des Dazwischen, ephemeren Orte, nicht hier, nicht da. Der französische Soziologe Marc Augé hat diesen non-lieux bereits in den 1990er Jahren ein Buch gewidmet. Sie spielen in unserem Leben eine große Rolle, wir wissen es nur nicht. Für meine persönliche Geschichte aber waren Autobahnen eine wichtige Möglichkeit, der Provinz und allem, was damit zusammenhing, zu entkommen.

Trotzige Gesänge wider den Tod

Die zweite Geschichte spielte sich am Cape Diamond auf den Plaines d’Abraham ab, einem ehemaligen Schlachtfeld im siebenjährigen Krieg, im Verlaufe dessen die Franzosen Quebec an die Briten verloren. Der Cape Diamond wurde im 17. Jahrhundert Schauplatz einer fürchterliche Racheaktion der Wyandat, die sich mit den Kanadiern verbündet hatten. Sie verbrannten an diesem Ort Krieger eines verfeindeten Irokesenstammes bei lebendigem Leib. But every burning iroquois sang his defiant death-song quite unflinchingly till his last dying breath, so steht es auf der Gedenktafel. Laut Gedenktafel sei die Rache übrigens „gerechtfertigt“ gewesen, eine Bemerkung, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Cabinets d’Ecriture in der Kirche

Am Donnerstag und Freitag habe ich meine Gastgeber:innen vom Maison de la Littérature besucht. Bereits seit den 1940er Jahren ist in der ehemaligen Methodistenkirche eine Bibliothek untergebracht, die seit jeher gut genutzt wurde; seit der Renovierung vor sechs Jahren aber haben sich die Besucherzahlen verdoppelt. Es ist einfach ein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Draußen kann man – wie übrigens an vielen Orten in der Stadt – sitzen, lesen, Selbstmitgebrachtes essen und trinken, Leute treffen, in der Sonne chillen. Verwaltet wird das Haus vom L’Institut Canadien de Quebec (L’ICQ), das neben dem Haus der Literatur für 25 weitere Bibliotheken in der Stadt zuständig ist.

La Maison de la Littérature ist aber nicht nur eine Bibliothek, sondern auch ein Ort, an dem man arbeiten (in den sogenannten Cabinets d’Écriture, die auch ich zum Schreiben nutzen darf, juchuu!) und sogar wohnen kann. Im Oktober richtet das L’ICQ dann das jährliche Literaturfestival Québec en lettres aus, das an verschiedenen Orten in der Stadt stattfinden wird, vergleichbar mit der Kölner Literaturnacht, und aus diesem Grund habe ich gleich mal unauffällig eine Tasche der Kölner Literaturnacht auf diesem gemütlichen Sessel drapiert.

Und zum Schluss kommt noch eine Bilderstrecke von den vielen Sitzgelegenheiten in der Stadt, die individuell und liebevoll gestaltet sind und an denen kein Konsumierzwang herrscht. Sie bestimmen die Atmosphäre, die Ruhe und Freundlichkeit der Stadt entscheidend mit. Übrigens werden sie ebenfalls lieux ephémères genannt, flüchtige Orte. Sie sind die Autobahnraststätten der Stadt, nur schöner und ohne tanken.

Bonne journée (und setzt euch hin, wenn ihr müde seid)!